PHULKARI
UND BAGH - STICKEREIEN AUS DEM PUNJAB
HERKUNFT, GESCHICHTE UND ALTER
Die
Tradition des Stickens kann in Indien bis in die Induszivilisation, vielleicht sogar
noch weiter zurückverfolgt werden. Hinweise dafür finden sich in verschiedenen
Artikeln[1]. Auch Figuren und
Malereien, u.a. aus Ajanta und aus der Kushan Periode (1-3. Jhr. n. Chr.), zeugen
davon. Allerdings hat sich nach unserem heutigen Wissensstand kein Stück erhalten,
das sich früher als bis in das späte 15. Jahrhundert datieren läßt.
Die
Tradition des Stickens reicht auch im
Punjab weit zurück. Guru Nanak (1469-1539), der Gründer der Sikhreligion,
schrieb schon Ende des 15. Jahrhunderts in einem der heiligen Bücher: Du bist erst dann eine vollwertige Frau, wenn du deine eigene
Bluse bestickt hast. Auch die ältesten heute noch erhaltenen Stickereien
des Punjabs stammen aus dieser Zeit. Es handelt sich dabei um ein kleines
quadratisches Tuch (rumal), bestickt im Chambastil, das um
1500 von Debe Nanaki, der Schwester von Guru Nanak, bestickt wurde, und um
einen Schal (shamla), datiert um
1580. Beide Textilien werden heute in
Sikhheiligtümern im Punjab (Gurdaspur bzw. Jalandhur) aufbewahrt.
Aus
diesen spärlichen Hinweisen kann man jedenfalls folgern, daß das Sticken schon
um diese Zeit im Punjab eine weit verbreitete
und hoch entwickelte Fertigkeit der Frauen war.
Auch
heute noch sticken die Frauen im Punjab - Bettüberwürfe, Kissenbezüge, Tischdecken
usw., aber die Blütezeit dieser Kunst ist längst vorüber. Versuche, die Tradition
in Patiala und Chandigarh im Ostpunjab mit Regierungshilfe wieder zum Leben zu
Erwecken, hatten wenig Erfolg.
Phulkari heißt auf Punjabi
"Blumenarbeit" (phul: Blume, kari: Arbeit) und stand ursprünglich einfach für Stickerei. Im Laufe der Zeit engte sich der Begriff
ein und wurde nur noch für ein besticktes Kopftuch oder Schal, ungefähr 140 x
230 cm groß, auch Odhini genannt,
benutzt. Dieser bildete, zusammen mit einer engen Bluse (choli) und einem langen Rock (gaghra)
die traditionelle Tracht der Punjabifrauen. Nach IRWIN und HALL wurden
Phulkaris aber auch als Wandbehänge und Decken verwendet. Dies gilt
hauptsächlich für die mit Darstellungen des täglichen Lebens bestickten Stücke
aus dem Ostpunjab.
Die
einfach und nicht so dicht bestickten Odhinis, für den täglichen Gebrauch
bestimmt, nennt man Phulkaris. Dicht bestickte, die für bestimmte Anlässe und
Zeremonien bestimmt waren, heißen Bagh (hindi/farsi: . Garten). Man kann es auch so ausdrücken: im Phulkari verziert die
Stickerei das Tuch nur teilweise, während im Bagh das ganze Tuch so dicht bestickt
ist, daß das Grundgewebe gar nicht mehr
sichtbar ist. Allerdings kennt man auch Phulkaris, die so dicht bestickt sind,
daß der Untergrund völlig bedeckt ist.
Die
Stickereien waren hauptsächlich im Punjab, in geringerem Umfang auch in den
nordwestlichen Grenzprovinzen, verbreitet. Der Hindukush bildet im Nordosten
dieser Region eine natürliche Grenze zu Afghanistan, im Osten wird es von den
Ausläufern des Himalaya und der Gangesebene definiert. Politisch gesehen war
dieses Gebiet um die Jahrhundertwende britischer Besitz. Umringt wurde es im
Norden, Süden und Südosten von den indischen Fürstenstaaten Kashmir, Rajputana
bzw.Baluchistan.[2]
Man
findet hier sowohl fruchtbare Ebenen - Punjab heißt ja Fünfflußland - als
auch wilde und schwer zugängliche Gebirgsgegenden. Strategisch gesehen haben
wir Nordindiens wichtigste Verbindung zum Westen vor uns. Seit Jahrtausenden
ist der Punjab ein Durchzugs- und
Siedlungsgebiet für Einwanderer, Nomaden und Eroberer. Diese Region war
das Nadelöhr zwischen dem Iran und Zentralasien auf der einen und dem indischen
Subkontinent auf der anderen Seite. Es liegt auf der Hand, daß es hier,
abgesehen von allen Kämpfen und Auseinandersetzungen, auch zu wechselseitigen
kulturellen Anregungen und
Befruchtungen kommen mußte.
Hauptsächlich
fand man Phulkaris und Bhags in den
Orten Peshawar, Hazara, Rawalpindi, Sialkot, Multan und Jhelum im Westpunjab (heute Pakistan); im Ostpunjab, heute
zu Indien gehörig, in Amritsar, Jullundur, Ludhiana, Ferozpur und Patiala. Außerdem waren sie beliebt in Teilen
Haryanas (Ambala, Rohtak und Hissar).
Es heißt jedoch, daß die besten Stücke aus den Orten Hazara und Chakwal im
Nordwestpunjab stammen.[3]
Über
den eigentlichen Ursprung dieser Textilkunst besteht bis heute keine Klarheit.
Die von den meisten Autoren unterstützte Theorie beruft sich auf den Charakter
dieser Region als Durchzugsgebiet zum Subkontinent. Es wird angenommen, daß
viehzüchtende Nomaden aus dem benachbarten Nordwesten oder auch aus
Zentralasien, die Jats, diese Tradition mitbrachten. Diese Gruppe lebt heute
im indischen Bundesstaat Haryana - der aus dem südöstlichen Teil des ehemaligen
Punjab hervorgegangen ist - und in Teilen Uttar Pradeshs. Es gibt Hinweise darauf,
daß die Jats Abkömmlinge der Skythen sind. Da sie aber selber ihre Vergangenheit
niemals schriftlich niedergelegt haben, liegt ihre wahre Herkunft im Dunkeln.
Belegt ist, daß sie schon sehr lange in Nordindien leben. Bis zum 13.
Jahrhundert bildeten sie eine geschlossene Volksgruppe mit einheitlicher Religion
und Sprache; später wechselte ein Teil des Volkes zum Islam, andere zur
Sikhreligion über. Die Mehrzahl allerdings blieben Hindus.
Das
heutige Siedlungsgebiet der Jat, das die Bezirke Hissar, Sirsa und Rohtak in
Haryana umfaßt, wird von einigen Autoren als die eigentliche Keimzelle der
Phulkaritradition betrachtet. Anand K. COOMRASWAMY schreibt 1964: "Die
ursprüngliche Kunst stammt von den bäuerlichen Hindus (Jats) aus Rohtak,
Gurgaon und Delhi, während sich in Hazara eine kunstvollere und mehr
ausgearbeitete Form findet." 1888 bemerkte Mrs. Flora STEEL: "Die
Kunst in ihrer ursprünglichsten Form ist heute noch unter den Kleinbauern von
Rohtak, Hissar und Gurgaon zu finden. Man kann sagen, hier, wo auch die
Verbreitung der Jats, die nicht vom Islam oder von den Sikhs beeinflußt wurden,
am größten ist, liegt auch ihr Ursprung.".
Diese
Betrachtungen sind nur von historischem
Interesse, da das Sticken von Phulkaris und Bhags in seiner Blütezeit - dem
19. Jahrhundert - längst nicht mehr
ausschließlich von den bäuerlichen Jat
ausgeübt wurde, sondern inzwischen zu
einer der wichtigsten Ausdrucksformen
aller Frauen des Punjab, unabhängig von Stand, Religion und Herkunft, geworden
war.
Bis
1948 verstand man unter Punjab den nordwestlichen Teil des indischen Reiches
mit Lahore als Hauptstadt. Heute gehört der westliche Teil zu Pakistan,
wiederum mit Lahore als Provinzhauptstadt. Der Ostpunjab mit der Hauptstadt
Chandigarh gehört zur indischen Union. 1966 wurde dieser Teil noch einmal
geteilt, in Punjab und Haryana. Die Bergregion, früher "Punjab hills"
genannt, wurde zum Bundesstaat Himachal Pradesh.
Obwohl
der alte Punjab vor der Teilung von Sikhs, Hindus und Muslims bevölkert wurde,
stellten überwiegend nur die ersten beiden Gruppen die Stickereien her.
Anfänglich arbeiteten die Frauen fast nur für den persönlichen Gebrauch,
nicht für den Verkauf. Junge Mädchen stellten so ihre Aussteuer her; Mütter
und Großmütter arbeiteten für ihre Töchter und Enkeltöchter. Allerdings
unterzeichnete schon 1832 Maharaja Ranjit Singh den ersten Exportvertrag für
Phulkaris.
Größere
Nachfrage entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts - ein Schlüsseldatum ist die
große Punjabausstellung in London 1881. Etwa zur gleichen Zeit zwang eine große
Dürre- und Hungerskatastrophe im Punjab die Familien zum Verkauf ihrer alten
Stücke. Von diesem Zeitpunkt an fanden Bhags, Phulkaris und Gegenstände, die
in diesem Stil bestickt wurden (u.a. Taschen, Vorhänge, Mäntel und
Pianodecken) einen immer Größeren Markt in Amerika und Europa; gleichzeitig
entstanden, angeregt vom Käufer, immer neue Muster und Farbkombinationen. Es
entstanden Typen wie der Manchester Bagh
oder der Jubilee Bhag. Um schneller
und billiger produzieren zu können, entwickelte sich ein gröberer und lockerer
Stickstil. Alle genannten Faktoren waren verantwortlich für den raschen Verfall
der alten Handwerkstradition.
Mrs.
F.A. STEEL beklagt bereits 1888 in einem Artikel im Journal of Indian Art den
Niedergang der Handwerkskunst, den Gebrauch von Anilinfarben und die
schlechte Qualität der Seide, sowie die Verwendung fremder Muster, um dem
Geschmack der ausländischen Käufer besser entsprechen zu können.
Das
Sticken diente auch dem geselligen Zusammensein. Die Frauen der Nachbarschaft
trafen sich in den Mußestunden des Nachmittags um Garn zu spinnen, um zu
sticken, zu singen und natürlich um Neuigkeiten zu besprechen.
Oft
wurde der Beginn einer Arbeit mit bestimmten Zeremonien eingeleitet. Zum Beispiel wurde nach der
Geburt eines Jungen ein Vari da Bagh
begonnen. Den günstigsten Tag dazu bestimmte der Astrologe. Während unter den
Anwesenden Süßigkeiten und rotes Garn verteilt wurde und diese tanzten, sangen
und beteten, setzte die Großmutter den ersten Stich. Fortgesetzt wurde die
Arbeit von der Mutter, von anderen weiblichen Verwandten und manchmal auch von
der Großmutter selber. Dieser Bhag war dazu bestimmt, am Tage der Hochzeit des
Knaben dessen Braut überreicht zu werden.
Da
es bei Hochzeiten wohlhabender Familien Sitte war, Phulkaris und Bhags unter den weiblichen Verwandten und manchmal
auch unter den Bediensteten zu verschenken, wurden auch Auftragsarbeiten an
Frauen ärmerer Familien vergeben. Ihre Bezahlung richtete sich nach der Menge
des verbrauchten Garnes .
Interessant
ist die Frage nach der Datierung der Stickereien. Man kann nicht mit Bestimmtheit
sagen, wann der erste Phulkari gestickt wurde. Es existiert kein Stück, von dem
es sich sicher sagen ließe, daß es älter als 170 Jahre sei. Selbst 100 Jahre
alte Phulkaris sind sehr selten.
Natürlich
unterliegen die Textilien dem natürlichen Verschleiß; es stimmt auch, daß das
Material im indischen Klima mit den extrem feuchten Monsunmonaten nicht sehr
beständig ist, aber es sollten sich doch andere Hinweise finden lassen, falls
die Tradition älter ist. So erwähnen einige
Autoren, daß in den Balladen von Heer-Ranjha
und Sohni-Mahiwal aus dem 18.
Jahrhundert sehr genau über den Schmuck und die Kleider der Damen berichtet
wird; ein Phulkari aber werde nicht beschrieben.[4]
Wie
schon erwähnt war es Brauch, bei der Hochzeit Phulkaris zu verschenken. Je
reicher die Familie war, desto Größer war die Anzahl der Geschenke. In den
Familienchroniken wurde über Generationen
hinweg sehr gewissenhaft aufgezeichnet, welche Geschenke von welchen
Verwandten gegeben wurden. Auch existieren Aufzeichnungen über die gegebene
oder empfangene Mitgift. In keiner der früheren Chroniken finden sich jedoch
Hinweise auf die Stickereien.
Aus
der Mehrzahl der Quellen kann man also mit einiger Sicherheit den Schluß
ziehen, daß sich die ersten Phulkaris erst ab dem frühen 19. Jahrhundert belegen
lassen, sehr schnell an Beliebtheit gewannen und bald darauf ihre Vervollkommnung
in der komplizierten Form des Bhag fanden. Anfang des 20. Jahrhunderts war der
Höhepunkt bereits überschritten, die Teilung des Punjab nach der
Unabhängigkeitserklärung Indiens bedeutete dann das endgültige Aus für diese
Textilkunst.
Aus
dem Zustand des Grundgewebes, den verwendeten Farben usw. kann man auf das ungefähre
Alter eines Stückes schließen; bei älteren Stücken war es z.B. noch üblich
- besonders bei Weiß, Grün und Rosa
- Baumwollfäden anstelle der sonst benutzten Seide zu verwenden.
Die
besten der heute noch im Handel verfügbaren Stücke dürften zwischen 1870 bis
1920 hergestellt worden sein. Die Museen von Ahmedabad, Delhi, Lahore und
London haben viele Bhags und Phulkaris in ihren Magazinen. Eine noch
ausstehende vergleichende Betrachtung dieser Stücke, von denen größtenteils
wenigstens das Erwerbungsdatum bekannt ist, könnte die Datierung anderer
Stücke erleichtern.
MATERIAL UND TECHNIK
Die
Frauen stickten meistens auf grobes, selbstgefärbtes Baumwolltuch (khaddar). Das dazu verwendete Garn wurde zu Hause gesponnen
und im Ort vom jullaha (Dorfweber)
verarbeitet. [5]
Ein
Grund dafür war der günstige Preis und die Haltbarkeit des Materials. Darüber
hinaus ermöglichte die Beschaffenheit des Gewebes ein genaues Abzählen der
Fäden[6], außerdem mußte kein Stickrahmen zum Straffen verwendet
werden, da das Material sich nicht kräuselte.
Poetischer
drückt es ein indischer Autor aus.[7] Er meint das grobe Material
des Grundgewebes stehe für das harte, entbehrungsvolle Leben einer
Punjabifrau, die reiche Stickerei aus weicher und bunter Seide aber für ihre
Träume und Hoffnungen.
Für
einen Bagh wurde Khaddar von besserer Qualität gewebt, chaunsa khaddar genannt ( ca. 15-18 Kettfäden/cm); hier haben Kette
und Schuß genau dieselbe Dicke. Dieses
Material ist weicher und schmiegsamer.
Manchmal
wurde ein noch feineres Gewebe benutzt, halwan
(ca. 22-25 Kettfäden/cm), das nur in
Amritsar oder Lahore hergestellt wurde. Das Arbeiten darauf erforderte
allerdings viel mehr Zeit, da das
Abzählen der dünnen Fäden mehr Konzentration erforderte und viel anstrengender
für die Augen war. Daher verwendeten die Frauen es nur für besonders kostbare
Stücke. Halwan findet man öfter in Stücken aus dem Westpunjab, vor allem aus
Hazara und Rawalpindi.
Aus
technischen Gründen wurde der Stoff in schmalen, 45-60 cm breiten Bahnen
gewebt. So mußten zwei bis dreieinhalb Bahnen aneinander genäht werden, um die
gewünschte Breite zu erhalten. Meistens war das Grundgewebe rot, denn diese
Farbe gilt auch heute noch bei Hindus und Sikhs als glückverheißend. Man findet
aber auch Braun, verschiedene Blautöne, Schwarz und Weiß. Sehr selten ist Grün.
HITKARI berichtet von einem solchen Stück im Calico Textile Museum in
Ahmedabad. Weißes Grundgewebe wurde meist von Hindufrauen aus Nordpakistan
verwendet; zum Sticken verwendeten sie dunkelrote Seide. Die dunkleren Töne
schätzte man besonders für Gebrauchsstücke, da sie auch nach längerer
Benutzung nicht schmutzig aussahen.
Zum
Sticken verwendeten die Frauen weiches, ungezwirntes Garn aus Florettseide, Pat genannt, das aus den Außenfäden des
Seidenkokons hergestellt wurde. Da das Garn weich und flusig ist, mußte es sorgsam
behandelt werden. Wenn ein Abschnitt fertig bestickt war, rollten sie ihn auf
und wickelten ihn in ein sauberes weißes Tuch, damit er nicht schmutzig wurde;
dann setzten sie die Arbeit am unbestickten Teil fort. Bevor ein Bagh gefaltet
wurde, bedeckte man die bestickte Seite mit einem dünnen Baumwolltuch, damit
die flauschige Florettseide nicht hängen blieb.
Die
Seide kam in Strängen aus Kashmir, Afghanistan und Bengalen, die beste Qualität
aus China. Gefärbt wurde sie meist in
den Orten Amritsar, Jammu oder Dera Ghazi Khan. Die Frauen auf den Dörfern
kauften die Stränge von fliegenden Händlern, die über Land zogen.
Die
am häufigsten verwendeten Farben der Garne waren Goldgelb, Rot, Pink, Orange,
Blau, Violett, Grün, Dunkelbraun und Weiß. Für Weiß, Schwarz und Gelb
verwendeten die Frauen in bestimmten Stücken auch Baumwollfäden (bandi).[8] Ganz selten wurden
Wollfäden benutzt.
Ein
Bagh erforderte ca. 25 Tola Pat, einen Phulkari ca. 15 Tola (1 Tola entspricht
11.6 Gramm).
Die
Stickerinnen benutzten meistens nur gleichfarbiges Garn. Innerhalb eines
Motivs oder Musters gibt es daher fast nie Farbabstufungen durch die Verwendung
verschiedener Tönungen einer Farbe. Da aber in verschiedenen Richtungen
gestickt wurde (vertikal, horizontal und diagonal), reflektiert die Seide in
verschiedenen Winkeln und ruft so den Eindruck von Farbnuancen hervor.[9] Hin und wieder findet man
aber doch einem Bagh mit verschiedenen Abstufungen derselben Farbe, denn
manchmal kaufte eine Frau aus Unachtsamkeit oder auch aus finanziellen Gründen
zu wenig Pat. War diese Partie dann aufgebraucht, war es oft nicht mehr möglich, exakt denselben Farbton nachzubekommen.
Bestickt
wurde das grobe Tuch von der Rückseite her mit einer ungefähr 7cm langen Nadel
mit langem Öhr. Das Muster wurde dabei nicht vorgezeichnet. Die Nadeln kamen
aus Deutschland, China und Japan.
Der
hauptsächlich benutzte Stich war der Stopfstich ( darn stitch, von manchen Übersetzern auch Spann- oder Plattstich genannt.)
Die fast ausschließliche Verwendung des langen und kurzen Stopfstichs über
abgezählten Fäden unterscheidet den Phulkari oder Bagh von allen anderen
bekannten Textilien oder Kleidungsstücken mit Stickdekor.
Normalerweise
ist der Stopfstich einen halben Zentimeter lang, er bewegt sich in geraden Linien
und macht keine Kurven; durch die geschickte Anwendung in verschiedenen
Richtungen entstehen unzählige geometrische Motive. Man kontrolliert das
Muster hauptsächlich durch das Abzählen der Fäden, dabei wurde im Westpunjab
manchmal das Muster auf dem Tuch mit grünem Garn in der Form von parallelen
Linien oder Quadraten mittels des Holbeinstichs
(gleichseitiger Linienstich) "vorgezeichnet". Das Können einer Frau wurde daran gemessen,
wieviele Muster sie beherrschte. Da sie den Stoff während der Arbeit nur von
hinten sah, genügte schon ein einziger Abzählfehler um das Muster oder die
Symmetrie zu zerstören.
Zusätzlich
wurden aber auch andere Stiche benutzt. Der Kettenstich ( chain stitch) diente zur Darstellung der Umrisse von Figuren. Zum
Füllen der Motive wurde neben dem Stopfstich auch der Satinstich verwendet.
Daneben findet man den Stielstich ( stem
stitch), den Hexenstich ( herring-bone
stitch), den Vorstich ( running stitch) und - zum Umsäumen - den Knopflochstich. Der chope, ein Bagh, den die Braut von ihrer Großmutter erhielt, wurde
mit Holbeinstich ( straight two sided
line stitch) gearbeitet, der von beiden Seiten des Gewebes gleich aussieht.
Die
Stiche müssen regelmäßig und glatt sein. Feststellbar ist dies besonders gut
auf der Rückseite eines Bagh (Abb. S. 21). Bei einem guten Stück sieht man nur
schwache Linien von sehr kleinen Punkten in gleichmäßigen Abständen. Eine Frau
brauchte Jahre, um sich in dieser Technik zu vervollkommnen.
Es
gab keinerlei Musterbücher oder Vorlagen, aus denen die Entwürfe kopiert werden
konnten. Verschiedene Formeln für verschiedene Muster wurden mündlich über die
Generationen hinweg weitergegeben; gelernt wurde von der Großmutter, der
Mutter und anderen weiblichen Verwandten. Jede Familie hatte ihren charakteristischen
Stil. Mit wachsender Übung und Erfahrung konnte die Frau später selber ihre
eigenen Muster entwerfen. Das Sticken war dann keine bloße Handarbeit mehr für
sie. Durch die Stiche, Farben und Motive die sie benutzte, konnte sie auch
ihre Gefühle, Hoffnungen und Träume ausdrücken.
NAMEN, MOTIVE UND TYPEN
Bedingt
durch die Eigenart des verwendeten Stopfstiches - möglich sind nur horizontale,
vertikale oder diagonale gerade Linien - mußten die Motive sehr stilisiert
werden. In den Bhags wurden tatsächlich oft nur geometrische Muster
verwendet (Dreiecke, Vierecke, Rauten), Die Vorbilder für andere Motive
stammten aus dem täglichen Leben. Demgemäß gab man den Stücken Namen wie Gobhi Bagh und Mirchi Bagh nach den entsprechenden Gemüsen Blumenkohl und Spinat.
Shalimar- und Chaurasia Bagh erinnern an den Grundriß berühmter Mogulgärten. Der
Ikka Bagh ist inspiriert durch
Spielkarten (Karo Aß), im Cowrie Bagh erinnern
zickzackförmige weiße Rhomben an Kaurieschnecken. Weiterhin gibt es den oben
bereits erwähnten Dhoop Chhaon
(Sonnenlicht und Schatten), den Lahriya
(Wellen, Abb. siehe S. 24), Patedar
(Streifen), Chand (Mond), Patang (Drachen), Saru (Zypresse), Panchranga
(fünf Farben) und den Satranga
(sieben Farben). Der Dariya Bagh
(Fluß) hat eine Reihe blauer Zickzackstreifen auf weißem Grund, Nakhooni erinnert an Nägel, Bhulbhlay an einen Irrgarten. Ein
reinweißer, sehr dicht bestickter Bagh wurde Sheesha (sprich: Shisha) Bagh
(Spiegel) genannt.
Im
fruchtbaren und wasserreichen Punjab dienten natürlich auch viele Blumen als
Namensgeber, z.B. Suraj Mukkhi
(Sonnenblume), Genda (Ringelblume)
und Motia (Jasmin).
Til Patra (verstreuter Sesam), ein auf
sehr grobem Tuch sparsam bestickter Phulkari, wurde bei besonderen Anlässen an
Hausbedienstete verschenkt.
Eines
der am häufigsten verwendeten Motive
auf einfachen Phulkaris für den täglichen Gebrauch ist ein Weizen- oder
Gerstenhalm mit einer Ähre.
Zusammengesetzte
Motive haben oft sehr poetische Namen, z.B. Lahriya Patang, frei übersetzt "Drachen im Wind".
Darüber
hinaus gibt es einige ganz spezielle Typen von Phulkaris und Bhags
Da
ist der Vari da Bagh aus dem West-Punjab (Abb. S. 18 und 19). Er wird,
wie schon oben erwähnt, nach der Geburt des Jungen von der Großmutter begonnen
und am Tag seiner Hochzeit der Braut überreicht. Vari sind die Kleider und der Schmuck, die die Braut von der
Familie des Bräutigams bekommt. Dieser Typ wird in goldgelbem Garn auf rotem
Untergrund gearbeitet, die Farben stehen symbolhaft für Glück und
Fruchtbarkeit. Die ganze Fläche ist mit Rhomben bedeckt, in jeder Rhombe ist
eine kleinere enthalten. In besonders guten Stücken findet man drei Größen von
Rhomben, die ineinander geschachtelt sind; die kleinste ist noch einmal in vier
Quadrate geteilt. An Seitenborde und
Pallaw (Endborde) sind verschiedene Muster in mehreren Farben gearbeitet. Es
dauerte mehr als ein Jahr, einen solchen Bagh herzustellen. Heutzutage werden
diese Stücke als Familienerbe betrachtet und als Überbleibsel einer alten
Tradition der Braut bei der Hochzeit kurz umgelegt.
Einzigartig
und sehr selten ist der Bawan Bagh (Abb. S. 27 ). Nur wenige Frauen konnten diesen Typus
fertigen. Bawan ist auf Punjabi die
Zahl 52; in diesem Stück finden wir daher 52 verschiedene Muster, die sonst in
verschiedenen Bhags benutzt werden. Das Mittelfeld ist in 42 oder 48 Rechtecke
unterteilt; jedes Feld enthält ein anderes, vielfarbiges Motiv. Die
restlichen 4 bzw. 10 Muster finden sich in den Seiten- und Endborden. Stücke,
bei denen die Zahl 52 über- oder unterschritten wird, was meistens der Fall
ist, werden trotzdem Bawan Bagh genannt.
Noch
rarer ist der Bawan Phulkari (Abb. S. 26 ), ein Typ, auf dem,
ähnlich wie beim Bawan Bagh, alle möglichen verschiedenen Phulkarimotive erscheinen,
Ein
anderer typischer Bagh, diesmal aus dem Ost-Punjab, ist der Darshan
Dwar Bagh (wörtlich: Das Tor, von dem man einen Blick auf die Gottheit
werfen kann, Abb. S. 17 ). Dieser Typus ist immer auf rotem Grund gestickt und
bildet eine architektonische Struktur ab. Rechts und links findet man die
Abbildungen von großen Toren mit Spitzen, je nach deren Größe und den Abmessungen
des Tuches sind es vier bis sieben auf jeder Seite. Die Tore liegen sich gegenüber
und sind nach innen geöffnet, dazwischen läuft ein zentraler Streifen mit
Figuren, Tieren, Blumen und Pflanzen oder auch einer Eisenbahn. Manchmal
stehen in den Toren auch menschliche Figuren. Beim Betrachten kann man das
Gefühl bekommen, durch eine belebte Dorfstraße zu gehen und dabei die Menschen
rechts und links in ihren Hauseingängen zu sehen.
Die
Dächer der Tore sind vielfarbig in Mustern aus Dreiecken und Rhomben
gearbeitet. Oft sind in dem dreieckigen Raum zwischen der Seitenborte und den
Dächern der Tore nochmals kleinere Tore eingestickt, in denen aber keine
Figuren sind. Manchmal erreicht das Muster ein so hohen Grad der Abstrahierung,
daß das zugrunde liegende Motiv nur noch zu erahnen ist.
Wahrscheinlich wurde das Tormotiv dieses Baghs von der
überdachten Veranda beeinflußt, die den Tempel umgab und auf der man das
Heiligtum umrunden konnte (parikrama).
Diese
Baghs wurden dem Tempel nach Erfüllung eines Wunsches gestiftet.
Der
Chope
(Abb. S. 29) wurde so gestickt, daß das Muster sowohl an der Vorder- als auch
an der Rückseite sichtbar ist (Holbeinstich). Benutzt wurde Gelborange auf
rotem Tuch. Dieser Bagh[10] ist Größer als alle anderen
Typen (ca. 300cm x 175cm), da die Braut bei der Hochzeitszeremonie von ihrer
Großmutter darin wie in einem chhadar
(Schleier der Muslims, der den ganzen Körper bedeckt) eingehüllt wurde. Der
Chope wird nach der Geburt eines Mädchens von der Großmutter begonnen, man kann
ihn also mit dem Vari da Bhag vergleichen.
Das
Muster des Chope wird von den beiden Längsseiten her symmetrisch entwickelt.
Man sieht große Dreiecke, die ihre Basis auf dem Saum haben. Der Raum zwischen
jeweils zwei Dreiecken wird von einem gleich großen, aber auf dem Kopf
stehenden Dreieck aufgefüllt. Wenn man genau hinsieht, kann man entdecken, daß
sich die Dreiecke oft aus sehr abstrahierten Pfauen mit kleinen Köpfen und
sehr großen Schwänzen zusammensetzen. Die Endborden sind nicht bestickt,
dadurch ergibt sich ein durchgehender roter Streifen auf dem Textil - Symbol
für Glück ohne Ende, das man der Braut wünscht. Seltener findet man eine
kleine Figur, einen Pfau oder eine Kuh abgebildet. Diese stehen für Schutz,
Glück und Wohlstand.
Der
Chand
Bhag (Abb. S. 22) soll an
das Spiel des Mondlichts erinnern.
Kleine weiße oder beige Rauten, die den Mond symbolisieren, sind auf
einen dunkelroten Grund gesetzt.
Auf
manchen Phulkaris ist die Gestalt eines Vogels so oft in regelmäßigen
Abständen über das ganze Feld gestickt, daß dadurch die ganze Fläche
ausgefüllt wird. Diese Phulkaris werden nach dem Namen des Vogels benannt, der
dargestellt wird, meist sind es Pfau (mor) oder Papagei (tota
, Abb. S. 21).
Ein
sehr selten gewordener Typ ist der Thirma (Abb. S. 27 bis 29). Dieser
Name bezeichnet Phulkaris oder Bhags auf weißem Grund. Sie wurden nur von
Hindus hergestellt und waren ein wichtiger Teil der Aussteuer einer Hindufrau
aus dem nordwestlichen Punjab. Zum Besticken wurde Rot, Violett und Grün
benutzt. Die Muster sind floralen Ursprungs. Manchmal wurde auch das ganze
Textil so dicht bestickt, daß sich eine samtartige Oberfläche ergab. Charakteristisch
sind die Abschlüsse (Pallus) dieses Typs: die Frauen setzten in Rot diagonale
Reihen in Satinstich. Diese Arbeiten waren typisch für Peshawar, Hazara,
Bannu und Rawalpindi, zur damaligen Zeit alle im Nordwesten des Punjab. Die
Muster dieses Typs unterscheiden sich stark von allen anderen Bhags und
Phulkaris; interessanterweise ähneln sie oft Textilien aus Afghanistan und
Zentralasien. Wenn man will, kann man dies als weiteren Hinweis auf den Ursprung
der Stickereien nehmen. Heute noch erhältliche Stücke dieses Typs stammen
meist aus den letzten Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts.
Am
wertvollsten und begehrtesten sind heute die, meist in Bhatinda und
benachbarten Gebieten des östlichen und südöstlichen Punjab hergestellten,
Sainchi Phulkaris (Abb. S. 14 bis 17). Sie zeigen Szenen des
Alltagslebens im Punjab um die Jahrhundertwende. Die Motive wurden oft mit
schwarzer Tinte auf dem Stoff vorgezeichnet. Diese Entwürfe fielen, je nach
Geschmack und Fähigkeit der Stickerin, mehr oder weniger naturalistisch oder
ganz stilisiert aus. Die Vorzeichnung wurde dann im Stopfstich ausgefüllt.
Interessanterweise bildeten die Frauen fast nie irgendwelche Legenden oder
Mythen ab, es finden sich auch, im Gegensatz zu den Chamba rumals aus dem benachbarten Himachal Pradesh, keine
religiösen Motive, keine Abbildung höfischer Themen und keine Jagdszenen. Darstellungen
aus der klassischen indischen Literatur sind genausowenig zu finden.
Grob
einteilen kann man die heute bekannten
Sainchis in zwei Kategorien:
A)
Farbige Darstellungen von Figuren, Tieren, Szenen aus dem dörflichen Leben etc.
auf rotem Untergrund. Es herrscht keinerlei Symmetrie und es gibt keine
Endborden. Die Motive wurden oft vorgezeichnet. Solche Stücke gleichen am ehesten
einem skizzenhaften Gemälde, einer Chronik des Dorflebens (Abb. S. 16 und 18).
B)
Sainchis auf schwarzem, dunkelbraunem oder - sehr selten - auf blauem
Untergrund (Abb. S. 14, 15, 17). Hier findet man eine gewisse Symmetrie. Oft
sehen wir fünf Lotosblüten: Eine große, vielblättrige im Zentrum[11] und die anderen vier in den
Ecken. Die Anordnung der Blüten entspricht denen im suber phulkari, der von der Braut zu dem Zeitpunkt getragen wird,
wenn sie sieben mal das heilige Feuer umschreitet (pherey). Auch die Abbildung von verschiedenen traditionellen
Schmuckstücken weist darauf hin, daß dieser Phulkarityp eine Rolle bei den Hochzeitszeremonien
spielte. In den Endborden tauchen oft abstrahierte Pfauen auf, die so auch zur
Symmetrie beitragen. Dazwischen sind aber wieder alle möglichen Tiere und
Gegenstände, scheinbar ohne Plan verteilt.
Beiden Typen gemeinsam ist, daß oft Woll-
oder Baumwollfäden anstelle der Seide verwendet wurden.
Obwohl all diese Stücke in Indien heute Sainchi Phulkari genannt werden, liegt
hier doch unter Umständen jeweils ein eigener Typus vor. Man darf nicht vergessen,
daß die letzten Textilien dieser Art um 1920 hergestellt wurden. In den
darauffolgenden Umwälzungen und Veränderungen sind sicher viele Traditionen
und vieles Wissen in Vergessenheit
geraten.
Auf
den Sainchis finden wir Szenen des
alltäglichen Lebens, Gegenstände des persönlichen Besitzes wie Schmuck und
Kämme, Haustiere, Ochsenkarren und Haushaltsgegenstände. Man sieht die Menschen beim Würfelspiel, am Spinnrad,
beim Kochen, bei der Feldarbeit oder bei anderen Verrichtungen des täglichen
Lebens.
Häufig
taucht eine Eisenbahn auf. Die Lokomotive stößt dicken Rauch aus und die Passagiere
schauen aus dem Fenster. Manchmal kommt der Zirkus mit Tieren und Akrobaten ins
Dorf. Auch das wird abgebildet. Besonders lebensnah wirken Szenen mit streitenden
Frauen, ein Yogi, der betteln kommt, ein Mann, der seine Frau verprügelt oder
ein britischer Beamter, der das Dorf besucht.
Schmuckstücke
werden gerne abgebildet. Dabei wird immer in Gelb gestickt, das für Gold steht.
Manchmal werden die Pretiosen von mythischen Schlangen, den Erdgeistern, bewacht.
Meist findet man den Schmuck an der Stelle des Tuches abgebildet, die beim
Tragen über dem Kopf die Stirn berührt.
Der
Sar
Pallu (Abb. S. 23 und 24) aus dem östlichen Punjab hat an beiden
Längsseiten breite Bordüren, die, oft sehr kühn und farbig , aus Rauten und
Dreiecken zusammengesetzt sind und manchmal wilden und abstrakten
Phantasielandschaften gleichen. Das freibleibende Mittelband ist mit kleinen
Blumen, Vögeln oder anderen Tieren verziert. Meist finden sich zu den Enden
hin auch einige Pfauen und Schmuckstücke.
Als
letzter Typ sei der Sheeshedar Phulkari
(sprich: Shishedar) genannt. Er ist mit kleinen runden, matten Spiegeln
verziert. Diese kommen aus Karnal, wo man Kugeln von ungefähr 10cm Durchmesser
aus Glas bläst, sie innen versilbert und dann zerbricht. Die Bruchstücke werden
dann für Stickereien verwendet.
HITKARI
berichtet von einem einzigartigen, in seinem Besitz befindlichen Phulkari aus
dem Ostpunjab, auf dem neben der Stickerei viele kleine Silberplättchen
aufgeklebt sind.
Motive
und Muster änderten sich von Ort zu Ort. Es gab wohl so viele Varianten, wie es
Stickerinnen gab. Jede Aufzählung muß zwangsläufig bruchstückhaft bleiben.
UNTERSCHEIDUNGSMÖGLICHKEITEN
Das
zuerst ins Auge fallende Unterscheidungsmerkmal zwischen Bhag und Phulkari
liegt in der Menge der Stickerei. Im Phulkari werden die Motive mehr oder
weniger regelmäßig über das ganze Tuch verteilt. Dazwischen sind jedoch große
Flächen des Grundmaterials sichtbar. Meist zeigen die Endstücke ein ganz
anderes Muster als das Mittelstück; oft sind diese sogar viel aufwendiger und
reicher bestickt.
Die
Motive eines Bhag dagegen sind so nahe aneinander gestickt, daß die Grundfarbe
des Stoffes - sofern dieser überhaupt sichtbar ist - nur eine dünne
Begrenzungslinie um die Motive bildet. Auch greifen die Abschlüsse des Bhag (pallaw) fast immer das Motiv des
Hauptfeldes auf.
Es
gibt einige Merkmale, um Stücke aus dem West-Punjab von denen aus dem Osten des
Landes zu unterscheiden. Normalerweise war das Tuch im Westen feiner. Außerdem
wurde Seide von besserer Qualität verwendet. Als Grundfarbe fand selten
Schwarz oder Blau Verwendung. Im Osten dagegen benutzte man kein Weiß.
Das
Mittelfeld wurde im Westen meist nur mit einer oder zwei Farben bestickt,
während die Anzahl der Farbkombinationen im Osten viel Größer waren. Darüber
hinaus hatten die Frauen hier ein Größeres Repertoire an Stichen. Dafür war die
Arbeit im Westen meist feiner.
Im
Westpunjab waren die Motive und Muster auf abstrakte Darstellungen beschränkt,
während sie im Osten vielfältiger waren und auch menschliche Figuren, Tiere,
Vögel etc. einschließen. Vielleicht hat das mit dem zum Osten hin
nachlassenden Einfluß der Moslime zu tun, die ja keine Menschen abbilden
dürfen. Im Gegensatz zum Westen wurde im Osten auch Baumwolle und manchmal
Wolle als Stickfaden benutzt.
Meist
ist der Pallaw (Endborde) bei Stücken
aus dem Westen schmaler und einfacher.
Schließlich
wurden im Westen die verschiedenen Stoffbahnen erst bestickt und dann zusammengenäht,
während die Frauen im Ost-Punjab genau umgekehrt vorgingen. Daher fallen bei
Bhags aus dem Westpunjab oft Sprünge im Muster auf.
Bei
den Phulkaris aus Haryana, dem Südosten des alten Punjab, ist das Hauptfeld oft
in regelmäßige Quadrate unterteilt, in denen jeweils dasselbe Motiv
wiederholt wird. Die Monotonie wird jedoch dadurch unterbrochen, daß in einer
Ecke andere Motive, z.B. Tiere oder Schmuckstücke, erscheinen.
Natürlich
gibt es Ausnahmen von diesen Regeln, als Anhaltspunkte können sie jedoch durchaus
dienen.
UNREGELMÄSSIGKEITEN IM MUSTER
Wie
Menschen überall in der Welt sind auch die Punjabis abergläubisch und fürchten
den Zorn der Götter. Um den bösen Blick abzuwehren, wird den Neugeborenen ein
schwarzer Fleck auf die Wange gemalt, der Braut bindet man einen schwarzen
Bommel an die roten Elfenbeinarmringe und vor das neue Haus hängt man einen
schwarzen Topf.
Aus
dem gleichen Grund fügten die an sich perfekt stickenden Frauen kleine Fehler
in ihre Stücke ein, verwendeten plötzlich eine andere Farbe oder ließen eine
kleine Stelle unbestickt. Manchmal findet man auch in einer Ecke einen kleinen
stilisierten Pfau, eine menschliche Figur, eine kleine Raute oder eine
aufgenähte Glasperle. Manche Frauen ließen einfach ein paar Zentimeter Faden
stehen, um anzudeuten, daß das Stück noch nicht beendet sei. All das geschah,
um nicht den Neid der höheren Kräfte auf sich zu ziehen. Diese gewollten Unregelmäßigkeiten
werden Nazar Butti genannt.
Da
die Sikhs "aufgeklärter" und im allgemeinen weniger abergläubisch
waren, findet man diese Merkmale meist an von Hindus hergestellten Stücken.
Manchmal
sieht man in einer Ecke oder an einem anderen versteckten Platz einen Namenszug,
meist in Gurmukkhi-Schrift. Dies ist
entweder der Name der Stickerin oder der des Besitzers.
Hin
und wieder findet man die eingestickten Silben Om (\ ) oder Ek-Onkar ( ). Diese heiligen
Mantras der Hindus bzw. Sikhs sollen den Segen Gottes auf das Gelingen des Werkes
oder auf die Trägerin des Stückes hinlenken.
VERWENDUNG
Der
ursprüngliche Sinn der Stickerei war wohl, die rauhe und einfache Oberfläche
der Odhinis (Kopftücher, Schleier)
zu verschönern. Allmählich begannen die Menschen einige der Muster und Motive
mit bestimmten Ereignissen und Zeremonien zu verbinden. So gewannen die
Textilien, neben ihrer Funktion vor der Witterung zu schützen und das Gesicht
zu verbergen, auch eine religiöse und magische Bedeutung.
In
einer traditionbewußten Familie aus dem Punjab wurde keine wichtige Zeremonie
begonnen, ohne daß das weibliche Oberhaupt der Familie einen bestimmten
Phulkari anlegte
Viele,
wenn nicht die meisten der Stücke stehen in Verbindung zu bestimmten Abschnitten
der Hochzeitsfeiern und des Ehelebens. Diese Tatsache und auch die reichen und
wuchernden, größtenteils floralen Motive der Phulkaris weisen auf eine
assoziative Verknüpfung mit der Fruchtbarkeit und dem Fortbestand der Familie
hin. Zum Beispiel wurde beim zeremoniellen Bad vor der Hochzeit (nahai dhoi), beim Füllen der tönernen Krüge (gharoli bharna) und beim Besteigen des geschmückten Pferdes durch
den Bräutigam (ghori charana) immer
ein anderer Phulkari benutzt.
Wenn
die Braut die 22 roten Elfenbeinarmreifen von einem Bruder ihrer Mutter bekam (chura charana), wurde ein chope um sie gelegt. Während der
eigentlichen Vermählungszeremonie trug sie einen subhar.
Die
Gelegenheit, zu der die Braut den vari da
bhag überreicht bekam, wurde schon weiter oben beschrieben. Sie trug ihn
nun einmal im Jahr, wenn sie für das lange Leben ihres Gatten betete (karva chanth).
Die
Familie der Braut beschenkte die Verwandten des Bräutigams mit Bhags und
Phulkaris, zudem bildeten sie einen Teil der Aussteuer.
Wenn
die Mutter am 11. Tag nach der Geburt eines Jungen zum ersten Mal ihre Räume
verließ, trug sie einen Phulkari. Gleichzeitig wurden auch weniger reich
bestickte Stücke, die oben erwähnten til
patra, an die Dienerinnen und Diener des Hause verteilt.
Neben
solchen Größeren und selteneren Festtagen ist der Jahreslauf einer indischen
Familie sehr reich an Feiertagen. Stets trugen die Frauen des Punjab zu solchen
Anlässen einen Phulkari. Wenn die Frau vor ihrem Mann starb, wurde sie in eine
Stickerei gewickelt. Geehrte Gäste eines Hauses fanden einen nur für diese
Gelegenheit herausgeholten Phulkari als Unterlage auf ihrer Sitzgelegenheit
oder als Tischdecke. In den Tempeln und Gurudwaras[12] schmückte man die Wände,
Figuren oder heilige Schriften mit Phulkaris oder Bhags - meist war es ein darshan dwar. Auch wurden Stiftungen und
Gaben an den Tempel darin eingewickelt dargeboten. Manchmal überreichte man
den britischen Beamten einen Bhag zu Weihnachten, zusammen mit Früchten und
Süßigkeiten.
Neuerdings
werden in den Städten Bhags und reich bestickte Phulkaris zerschnitten, um in
moderneren und modischeren Kleidungsstücken Verwendung zu finden.
Mit
Ausnahme einiger abgelegener Dörfer, in denen vielleicht noch Baghs oder
Phulkaris gearbeitet werden, kann diese Art von Handarbeit heute als
ausgestorben angesehen werden.
Versuche der indischen, bzw. pakistanischen Regierung sie wiederzubeleben
schlugen fehl. Wenn man bedenkt, daß eine geübte Stickerin für die Herstellung
eines Bagh circa 500 Stunden benötigte (3-4 Monate bei einem Arbeitsaufwand
von 4-5 Stunden täglich), wird das verständlich. Das Leben ist für die
Punjabis komplizierter geworden, vor allem nach der Aufteilung ihres
Heimatlandes zwischen Indien und Pakistan und durch die damit verbundene
Völkerwanderung. Alle Energien gingen in den Neuaufbau. Anstatt sich am
Nachmittag zum Reden und Handarbeiten zu treffen, besuchen die Frauen jetzt
Schulen und Colleges. Kino, Radio und Fernsehen, Kunstfasern und
Industriefarben, preiswerte Kleidung und die Beeinflussung durch westliche
Modeströmungen taten das ihrige, um ihr Interesse am Handarbeiten abflauen zu
lassen.
S.S. HITKARI schließt sein Buch dennoch mit einem
optimistischen Blick in die Zukunft:
"Alles, was geboren wird, muß auch
wieder vergehen- es lohnt sich nicht, darüber Tränen zu vergießen. Die den
Frauen des Punjab angeborene Sensivität und Kreativität wird sicherlich neue
Formen des Ausdrucks finden. Volkskunst stagniert niemals, sondern befindet
sich immer in der Entwicklung. Laßt uns daher hoffen, daß im Laufe der Zeit im
Punjab etwas eigenständiges und sogar noch faszinierenderes als der Phulkari
entsteht. Bis dahin liegt es an uns, das, was übriggeblieben ist, vor der
Zerstörung zu retten und für die Nachwelt zu bewahren."
Literatur:
Bèrinstain, V. " Phulkari",
Paris, 1991
Boser, R. "Stickerei-
Systematik der Stichformen". Basel, 1984.
Coomraswamy, A.
"Arts and Crafts of India and Ceylon". New York, 1964.
Dutta, M.D. "A
Catalogue on Phulkaritextiles in the Collection of the
Indian Museum".
Calcutta, 1985.
Gill, H.S. "A Phulkari
from Bhatinda". Patiala, 1977.
Gillow, J and Barnard, N. "Traditional Indian
Textiles". London, 1991.
Gostelow, M. "Das große BLV Buch
der Stickerei". München, 1980.
Grewal, Neelam. "The Needle Lore". Delhi, 1988.
Hitkari, S.S. "Phulkari-
Folk Art of Punjab". Delhi, 1980.
Irwin, J. and Hall, M. "Indian
Embroideries". Ahmedabad, 1973.
Nabholz- Kartaschoff,
M.L. "Golden Sprays ans Scarlet Flowers". Kyoto, 1973.
Steel, F.A. "Phulkari
Work in the Punjab". London, 1888.
[1] IRWIN/ HALL 1973: 1: In Mohenjo-daro fand man Bronzenadeln, von denen man sich vorstellen kann, daß sie zum Sticken verwendet wurden. Einige Figuren aus diesem Gebiet und aus Harappa wurden mit einem Gewand dargestellt, das offenbar bestickt ist. Ein Beispiel dafür ist die Büste eines bärtigen Mannes aus Mohenjo-daro, der ein Umhängetuch mit Kleeblattmuster trägt (National Museum, New Delhi)
[2] Siehe Karte im Anhang.
[3] Siehe Karte im Anhang.
[4] Neelam GREWAL allerdings führt an, daß im Heer Ranjha bei der Aussteuer der Heldin sehr wohl Phulkaris erwähnt würden.
[5] Khaddar ist aus lose gesponnenem Garn von unregelmäßiger Dicke gewebt, Kett- und Schußfäden können verschieden Dicke haben. Es kommen 10-12 Kettfäden auf den Zentimeter.
[6] Siehe weiter unten bei der Beschreibung der Sticktechniken.
[7] Neelam GREWAL: The Needle Lore
[8] z.B. in manchen "Darshan Dwars" und "Sainchis".
[9] Es gibt einen bestimmten Bhag, den "Dhoop/Chhaon", sprich: Duup, ( frei: Licht und Schatten), der diesen Effekt bewußt einsetzt.
[10] Mit dem gleichen Recht könnte man auch Phulkari sagen, da dieser Typ Merkmale beider Typen vereinigt. Ich benutze Bhag, da dieses Textil nicht dem täglichen Gebrauch dient, sondern eine rituelle Funktion hat.
[11] Diese steht in Indien meist für die vielen Manifestationen der Schöpfung.
[12] Tempel der Sikhs.