PHULKARI UND BAGH - STICKEREIEN AUS DEM PUNJAB                                      

 

HERKUNFT, GESCHICHTE UND ALTER

 

Die Tradition des Stickens kann in Indien bis in die Induszivilisation, vielleicht sogar noch weiter zurückverfolgt werden. Hinweise dafür finden sich in verschiedenen Artikeln[1]. Auch Figuren und Malereien, u.a. aus Ajanta und aus der Kushan Periode (1-3. Jhr. n. Chr.), zeu­gen davon. Allerdings hat sich nach unserem heutigen Wis­sensstand kein Stück er­halten, das sich früher als bis in das späte 15. Jahrhundert datieren läßt.

Die Tradition des Stickens reicht  auch im Pun­jab weit zurück. Guru Nanak (1469-1539), der Gründer der Sikhreligion, schrieb schon Ende des 15. Jahrhunderts in einem der heiligen Bü­cher: Du bist erst dann  eine vollwertige Frau, wenn du deine eigene Bluse bestickt hast. Auch die ältesten heute noch erhaltenen Stickereien des Punjabs stammen aus dieser Zeit. Es handelt sich dabei um ein kleines quadratisches  Tuch (rumal), bestickt im Chamba­stil, das um 1500 von Debe Nanaki, der Schwester von Guru Nanak, bestickt wurde, und um einen Schal (shamla), datiert um 1580.  Beide Textilien wer­den heute in Sikhheiligtümern im Punjab (Gurdaspur bzw. Jalandhur) aufbewahrt.

Aus diesen spärlichen Hinweisen kann man je­denfalls folgern, daß das Sticken schon um diese Zeit im Punjab eine weit verbreitete  und hoch entwickelte Fertigkeit der Frauen war.

Auch heute noch sticken die Frauen im Punjab - Bettüberwürfe, Kissenbezüge, Tischdecken usw., aber die Blütezeit dieser Kunst ist längst vorüber. Versuche, die Tradi­tion in Patiala und Chandigarh im Ostpunjab mit Regierungshilfe wieder zum Leben zu Erwecken, hatten wenig Erfolg.

Phulkari heißt auf Punjabi "Blumenarbeit" (phul: Blume, kari: Arbeit) und stand ursprünglich  einfach für Stickerei. Im Laufe der Zeit engte sich der Begriff ein und wurde nur noch für ein besticktes Kopftuch oder Schal, ungefähr 140 x 230 cm groß, auch Odhini genannt, benutzt. Die­ser bildete, zu­sammen mit einer engen Bluse (choli) und einem langen Rock (gaghra) die tra­ditionelle Tracht der Punjabifrauen. Nach IRWIN und HALL wurden Phulkaris aber auch als Wandbehänge und Decken verwendet. Dies gilt hauptsächlich für die mit Darstellungen des täg­lichen Lebens bestickten Stücke aus dem Ost­punjab.

Die einfach und nicht so dicht bestickten Odhi­nis, für den täglichen Gebrauch bestimmt, nennt man Phulkaris. Dicht bestickte, die für bestimmte Anlässe und Zeremonien bestimmt waren, hei­ßen Bagh (hindi/farsi: . Garten). Man kann es auch so ausdrücken: im Phulkari verziert die Stickerei das Tuch nur teilweise, während im Bagh das ganze Tuch so dicht be­stickt ist, daß das Grundgewebe  gar nicht mehr sichtbar ist. Allerdings kennt man auch Phulkaris, die so dicht bestickt sind, daß der Untergrund völlig bedeckt ist.

Die Stickereien waren hauptsächlich im Punjab, in geringerem Umfang auch in den nord­westlichen Grenzprovinzen, verbreitet. Der Hindukush bildet im Nordosten dieser Region eine natürliche Grenze zu Afghanistan, im Osten wird es von den Ausläufern des Himalaya und der Gangesebene definiert. Politisch gesehen war dieses Gebiet um die Jahrhundert­wende britischer Besitz. Umringt wurde es im Norden, Süden und Südosten von den indi­schen Fürstenstaaten Kashmir, Rajputana bzw.Baluchistan.[2]

Man findet hier so­wohl frucht­bare Ebenen - Punjab heißt ja Fünfflußland - als auch wilde und schwer zugängliche Ge­birgsgegenden. Strategisch gesehen haben wir Nordindiens wichtig­ste Verbindung zum Westen vor uns. Seit Jahrtausenden ist der Punjab ein Durchzugs- und  Siedlungsgebiet für Einwanderer, Nomaden und Eroberer. Diese Region war das Nadelöhr zwischen dem Iran und Zentralasien auf der einen und dem indischen Subkontinent auf der anderen Seite. Es liegt auf der Hand, daß es hier, abgesehen von allen Kämpfen und Aus­einandersetzungen, auch zu wechselseitigen kulturellen  Anre­gun­gen und Befruchtungen kommen mußte.

Hauptsächlich fand man Phulkaris und Bhags  in den Orten Peshawar, Hazara, Rawalpindi, Sialkot, Multan  und Jhelum im Westpunjab (heute Paki­stan); im Ostpunjab, heute zu In­dien gehörig, in Amritsar, Jullundur, Ludhiana, Ferozpur und Pa­tiala. Außerdem waren sie be­liebt in Teilen Haryanas (Ambala, Rohtak und Hissar). Es heißt je­doch, daß die besten Stücke aus  den Orten Hazara und Chakwal im Nordwestpunjab stam­men.[3]

Über den eigentlichen Ursprung dieser Textil­kunst besteht bis heute keine Klarheit. Die von den meisten Autoren unterstützte Theorie be­ruft sich auf den Charakter dieser Region als Durchzugsge­biet zum Subkontinent. Es wird angenommen, daß viehzüchtende Nomaden aus dem benachbarten Nordwesten oder auch aus Zentralasien, die Jats, diese Tradition mitbrach­ten. Diese Gruppe lebt heute im indischen Bundesstaat Haryana - der aus dem südöstlichen Teil des ehemaligen Punjab hervor­gegangen ist - und in Teilen Uttar Pradeshs. Es gibt Hinweise dar­auf, daß die Jats Abkömmlinge der Skythen sind. Da sie aber selber ihre Vergan­genheit niemals schriftlich niedergelegt haben, liegt ihre wahre Herkunft im Dun­keln. Belegt ist, daß sie schon sehr lange in Nordindien leben. Bis zum 13. Jahrhundert bildeten sie eine geschlossene Volksgruppe mit einheitlicher Re­ligion und Sprache; später wechselte ein Teil des Volkes zum Islam, andere zur Sikhreligion über. Die Mehrzahl aller­dings blieben Hindus.

Das heutige Siedlungsgebiet der Jat, das die Be­zirke Hissar, Sirsa und Rohtak in Haryana um­faßt, wird von einigen Autoren als die eigentli­che Keimzelle der Phulkaritradition betrach­tet. Anand K. COOMRASWAMY schreibt 1964: "Die ursprüngliche Kunst stammt von den bäu­erlichen Hindus (Jats) aus Rohtak, Gurgaon und Delhi, während sich in Hazara eine kunstvollere und mehr ausgearbeitete Form findet." 1888 bemerkte Mrs. Flora STEEL: "Die Kunst in ihrer ursprünglichsten Form ist heute noch unter den Kleinbauern von Rohtak, His­sar und Gurgaon zu finden. Man kann sagen, hier, wo auch die Verbreitung der Jats, die nicht vom Islam oder von den Sikhs beeinflußt wurden, am größten ist, liegt auch ihr Ur­sprung.".

Diese Betrachtungen sind  nur von hi­storischem Interesse, da das Sticken von Phul­karis und Bhags in seiner Blütezeit - dem 19. Jahrhundert -  längst nicht mehr ausschließlich von den bäuerlichen  Jat ausgeübt wurde,  son­dern inzwischen zu einer der  wichtigsten Aus­drucks­formen aller Frauen des Punjab, unab­hängig von Stand, Religion und Herkunft, ge­worden war.

 

Bis 1948 verstand man unter Punjab den nord­westlichen Teil des indischen Reiches mit Laho­re als Hauptstadt. Heute gehört der westliche Teil zu Pakistan, wiederum mit Lahore als Pro­vinz­hauptstadt. Der Ostpunjab mit der Hauptstadt Chandigarh gehört zur indischen Union. 1966 wurde dieser Teil noch einmal geteilt, in Punjab und Haryana. Die Bergregion, früher "Punjab hills" genannt, wurde zum Bundesstaat Himachal Pradesh.

Obwohl der alte Punjab vor der Teilung von Sikhs, Hindus und Muslims bevölkert wurde, stellten überwiegend nur die ersten beiden Gruppen die Stickereien her. Anfänglich arbeite­ten die Frau­en fast nur für den persönlichen Gebrauch, nicht für den Verkauf. Junge Mäd­chen stell­ten so ihre Aussteuer her; Mütter und Großmütter ar­beiteten für ihre Töchter und Enkel­töchter. Allerdings unterzeichnete schon 1832 Maharaja Ranjit Singh den ersten Ex­portvertrag für Phul­karis.

Größere Nachfrage entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts - ein Schlüsseldatum ist die große Punjabausstellung in London 1881. Etwa zur gleichen Zeit zwang eine große Dürre- und Hungerskatastrophe im Punjab die Familien zum Verkauf ihrer alten Stücke. Von diesem Zeit­punkt an fanden Bhags, Phulkaris und Gegenstände, die in diesem Stil bestickt wurden (u.a. Ta­schen, Vor­hänge, Mäntel und Pianodecken) einen immer Größeren Markt in Amerika und Eu­ropa; gleich­zeitig entstanden, angeregt vom Käufer, immer neue Muster und Farbkombi­natio­nen. Es ent­standen Typen wie der Manchester Bagh oder der Jubilee Bhag. Um schneller und billiger pro­duzieren zu können, entwickelte sich ein gröbe­rer und locke­rer Stickstil. Alle genannten Fakto­ren waren verantwortlich für den raschen Ver­fall der alten Handwerkstradition.

Mrs. F.A. STEEL beklagt bereits 1888 in einem Artikel im Journal of Indian Art  den Nieder­gang der Handwerkskunst, den Gebrauch von Anilin­farben und die schlechte Qualität der Seide, sowie die Verwendung fremder Muster, um dem Geschmack der ausländischen Käu­fer besser entsprechen zu können.

 

Das Sticken diente auch dem geselligen Zusam­mensein. Die Frauen der Nachbarschaft tra­fen sich in den Mußestunden des Nachmittags um Garn zu spinnen, um zu sticken, zu sin­gen und natürlich um Neuigkeiten zu besprechen.

Oft wurde der Beginn einer Arbeit mit be­stimmten Zeremonien  eingeleitet. Zum Beispiel wurde nach der Geburt eines Jungen ein Vari da Bagh begonnen. Den günstigsten Tag dazu be­stimmte der Astrologe. Während unter den Anwesenden Süßigkeiten und rotes Garn ver­teilt wurde und diese tanzten, sangen und bete­ten, setzte die Großmutter den ersten Stich. Fort­gesetzt wurde die Arbeit von der Mutter, von anderen weiblichen Verwandten und manchmal auch von der Großmutter selber. Dieser Bhag war dazu bestimmt, am Tage der Hochzeit des Knaben dessen Braut überreicht zu werden.

Da es bei Hochzeiten wohlhabender Familien Sitte war,  Phulkaris und Bhags unter den weib­lichen Verwandten und manchmal auch unter den Bediensteten zu verschenken, wur­den auch Auftragsarbeiten an Frauen ärmerer Familien vergeben. Ihre Bezahlung richtete sich nach der Menge des verbrauchten Garnes .

 

Interessant ist die Frage nach der Datierung der Stickereien. Man kann nicht mit Bestimmt­heit sagen, wann der erste Phulkari gestickt wurde. Es existiert kein Stück, von dem es sich sicher sa­gen ließe, daß es älter als 170 Jahre sei. Selbst 100 Jahre alte Phulkaris sind sehr selten.

Natürlich unterliegen die Textilien dem natürlichen Verschleiß; es stimmt auch, daß das Ma­terial im indischen Klima mit den extrem feuchten Monsunmonaten nicht sehr be­ständig ist, aber es sollten sich doch andere Hinweise finden las­sen, falls die Tradition älter ist. So er­wähnen einige  Autoren, daß in den Balladen von Heer-Ranjha und Sohni-Mahiwal aus dem 18. Jahrhun­dert sehr genau über den Schmuck und die Kleider der Damen berichtet wird; ein Phulkari aber werde nicht beschrieben.[4]

Wie schon erwähnt war es Brauch, bei der Hochzeit Phulkaris zu verschenken. Je reicher die Familie war, desto Größer war die Anzahl der Ge­schenke. In den Familienchroniken wurde über Generationen  hinweg sehr gewissenhaft aufgezeichnet, welche Geschenke von wel­chen Ver­wandten gegeben wurden. Auch existieren Aufzeichnungen über die gegebene oder empfan­gene Mitgift. In keiner der früheren Chroniken finden sich jedoch Hinweise auf die Sticke­reien.

Aus der Mehrzahl der Quellen kann man also mit einiger Sicherheit den Schluß ziehen, daß sich die ersten Phulkaris erst ab dem frühen 19. Jahrhundert belegen lassen, sehr schnell an Be­liebtheit gewan­nen und bald darauf ihre Vervoll­kommnung in der komplizierten Form des Bhag fanden. An­fang des 20. Jahrhunderts war der Höhepunkt bereits überschritten, die Teilung des Punjab nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens bedeutete dann das endgül­tige Aus für diese Textilkunst.

Aus dem Zustand des Grundgewebes, den ver­wendeten Farben usw. kann man auf das un­ge­fähre Alter eines Stückes schließen; bei älteren Stücken war es z.B. noch üblich -  beson­ders bei Weiß, Grün und Rosa -  Baumwollfäden  anstel­le der sonst benutzten Seide zu ver­wenden.

Die besten der heute noch im Handel verfügba­ren Stücke dürften zwischen 1870 bis 1920 her­gestellt worden sein. Die Museen von Ahme­dabad, Delhi, Lahore und London haben viele Bhags und Phulkaris in ihren Magazinen. Eine noch ausstehende vergleichende Betrachtung dieser Stücke, von denen größtenteils wenigs­tens das Erwerbungsdatum bekannt ist, könnte die Datierung anderer Stücke erleichtern.

 

 

 

MATERIAL UND TECHNIK

 

Die Frauen stickten meistens auf grobes, selbst­gefärbtes Baumwolltuch (khaddar). Das dazu  verwen­dete Garn wurde zu Hause gesponnen und im Ort vom jullaha (Dorfweber) verarbei­tet. [5]

Ein Grund dafür war der günstige Preis und die Haltbarkeit des Materials. Darüber hinaus er­möglichte die Beschaffenheit des Gewebes ein genaues Abzählen der Fäden[6], außerdem mußte  kein Stickrahmen zum Straffen verwendet werden, da das Material sich nicht kräu­selte.

Poetischer drückt es ein indischer Autor aus.[7] Er meint das grobe Material des Grundge­we­bes stehe für das harte, entbehrungsvolle Leben einer Punjabifrau, die reiche Stickerei aus weicher und bunter Seide aber für ihre Träume und Hoffnun­gen.

Für einen Bagh wurde Khaddar von besserer Qualität gewebt, chaunsa khaddar genannt ( ca. 15-18 Kettfäden/cm); hier haben Kette und Schuß genau  dieselbe Dicke. Dieses Mate­rial ist  weicher und schmiegsamer.

Manchmal wurde ein noch feineres Gewebe be­nutzt, halwan (ca. 22-25 Kettfäden/cm),  das nur in Amritsar oder La­hore hergestellt wurde. Das Arbeiten darauf erforderte allerdings    viel mehr Zeit, da das Abzählen der dünnen Fäden mehr Konzentration erforderte und viel anstrengender für die Augen war. Daher verwende­ten die Frauen es nur für besonders kost­bare Stücke. Halwan findet man öfter in Stücken aus dem Westpunjab, vor allem aus Hazara und Rawalpindi.

Aus technischen Gründen wurde der Stoff in schmalen, 45-60 cm breiten Bahnen gewebt. So mußten zwei bis dreieinhalb Bahnen aneinander genäht werden, um die gewünschte Breite zu erhalten. Meistens war das Grundgewebe rot, denn diese Farbe gilt auch heute noch bei Hindus und Sikhs als glückverheißend. Man findet aber auch Braun, verschiedene Blautöne, Schwarz und Weiß. Sehr selten ist Grün. HITKARI berichtet von einem solchen Stück im Calico Textile Mu­seum in Ahmedabad. Weißes Grundgewebe wurde meist von Hin­dufrauen aus Nordpakistan verwendet; zum Stic­ken verwendeten sie dunkelrote Seide. Die dunkleren Töne schätzte man besonders für Gebrauchsstücke, da sie auch nach län­ge­rer Benutzung nicht schmutzig aussahen.

Zum Sticken verwendeten die Frauen weiches, ungezwirntes Garn aus Florettseide, Pat ge­nannt, das aus den Außenfäden des Seidenkokons hergestellt wurde. Da das Garn weich und flusig ist, mußte es sorg­sam behandelt werden. Wenn ein Abschnitt fertig bestickt war, rollten sie ihn auf und wic­kelten ihn in ein sauberes weißes Tuch, damit er nicht schmutzig wurde; dann setzten sie die Ar­beit am unbestickten Teil fort. Bevor ein Bagh gefaltet wurde, bedeckte man die bestickte Seite mit einem dünnen Baumwolltuch, damit die flau­schige Flo­rettseide nicht hängen blieb.

Die Seide kam in Strängen aus Kashmir, Afgha­nistan und Bengalen, die beste Qualität aus China. Gefärbt wurde  sie meist in den Orten Amritsar, Jammu oder Dera Ghazi Khan. Die Frauen auf den Dörfern kauften die Stränge von flie­genden Händlern, die über Land zogen.

Die am häufigsten verwendeten Farben der Garne waren Goldgelb, Rot, Pink, Orange, Blau, Violett, Grün, Dunkelbraun und Weiß. Für Weiß, Schwarz und Gelb verwendeten die Frauen in be­stimmten Stücken auch Baumwollfäden (bandi).[8] Ganz sel­ten wurden Wollfäden be­nutzt.

Ein Bagh erforderte ca. 25 Tola Pat, einen Phulkari ca. 15 Tola (1 Tola entspricht 11.6 Gramm).

Die Stickerinnen benutzten meistens nur gleichfarbi­ges Garn. Innerhalb eines Motivs oder Musters gibt es daher fast nie Farbabstufungen durch die Ver­wendung verschiedener Tö­nungen einer Farbe. Da aber in ver­schiedenen Richtungen gestickt wurde (vertikal, horizon­tal und diago­nal), re­flektiert die Seide in verschiedenen Winkeln und ruft so den Eindruck von Farb­nuancen hervor.[9] Hin und wieder findet man aber doch einem Bagh mit verschiede­nen Ab­stufungen derselben Farbe, denn manchmal kaufte eine Frau aus Un­achtsamkeit oder auch aus finanziellen Gründen zu wenig Pat. War diese Partie dann aufgebraucht, war es oft nicht  mehr möglich, exakt denselben Farbton nachzu­bekommen.

Bestickt wurde das grobe Tuch von der Rück­seite her mit einer ungefähr 7cm langen Nadel mit langem Öhr. Das Muster wurde dabei nicht vorgezeichnet. Die Nadeln kamen aus Deutschland, China und Japan.

Der hauptsächlich benutzte Stich war der Stopf­stich ( darn stitch, von manchen Übersetzern auch Spann- oder Plattstich genannt.) Die fast ausschließliche Verwendung des langen und kurzen Stopfstichs über abgezählten Fäden un­terscheidet den Phulkari oder Bagh von allen anderen bekannten Textilien oder Kleidungs­stücken mit Stickdekor.

Normalerweise ist der Stopfstich einen halben Zentimeter lang, er bewegt sich in geraden Li­nien und macht keine Kurven; durch die ge­schickte Anwendung in verschiedenen Richtun­gen entstehen unzählige geometrische Motive. Man kontrolliert das Muster hauptsächlich durch das Abzählen der Fäden, dabei wurde im Westpunjab manchmal das Muster auf dem Tuch mit grünem Garn in der Form von paralle­len Linien oder Quadraten mittels des Holbein­stichs (gleichseitiger Linienstich) "vorgezeichnet".  Das Können einer Frau wurde daran ge­messen, wieviele Muster sie beherrschte. Da sie den Stoff während der Arbeit nur von hinten sah, ge­nügte schon ein einziger Abzählfehler um das Muster oder die Symmetrie zu zerstö­ren.

Zusätzlich wurden aber auch andere Stiche be­nutzt. Der Kettenstich ( chain stitch) diente zur Dar­stellung der Umrisse von Figuren. Zum Füllen der Motive wurde neben dem Stopfstich auch der Satin­stich verwendet. Daneben findet man den Stielstich ( stem stitch), den Hexen­stich ( herring-bone stitch), den Vorstich ( running stitch) und -  zum Umsäu­men - den  Knopfloch­stich. Der chope, ein Bagh, den die Braut von ihrer Großmutter erhielt, wurde mit Holbein­stich ( straight two sided line stitch) gearbeitet, der von beiden Seiten des Gewebes gleich aussieht.

Die Stiche müssen regelmäßig und glatt sein. Feststellbar ist dies besonders gut auf der Rückseite eines Bagh (Abb. S. 21). Bei einem guten Stück sieht man nur schwache Linien von sehr kleinen Punkten in gleichmäßigen Abständen. Eine Frau brauchte Jahre, um sich in dieser Technik zu vervollkommnen.

Es gab keinerlei Musterbücher oder Vorlagen, aus denen die Entwürfe kopiert werden konn­ten. Verschiedene Formeln für verschiedene Muster wurden mündlich über die Generatio­nen hinweg weitergegeben; gelernt wurde von der Großmutter, der Mutter und anderen weib­li­chen Verwandten. Jede Familie hatte ihren cha­rakteristischen Stil. Mit wachsender Übung und Erfahrung konnte die Frau später selber ihre eige­nen Muster entwerfen. Das Sticken war dann keine bloße Handarbeit mehr für sie. Durch die Stiche, Farben und Motive die sie be­nutzte, konnte sie auch ihre Gefühle, Hoffnun­gen und Träume ausdrücken.

 

 

NAMEN, MOTIVE UND TYPEN

 

Bedingt durch die Eigenart des verwendeten Stopfstiches - möglich sind nur ho­rizontale, ver­tikale oder diagonale gerade Linien - mußten die Motive sehr stilisiert werden. In den Bhags wur­den tat­sächlich oft nur geometrische Mu­ster verwendet (Dreiecke, Vierecke, Rauten), Die Vorbilder für andere Motive stammten aus dem täglichen Leben. Demgemäß gab man den Stücken Namen wie Gobhi Bagh und Mirchi Bagh nach den entsprechenden Gemüsen Blu­menkohl und Spinat. Shalimar- und Chaurasia Bagh erinnern an den Grundriß be­rühmter Mogulgärten. Der Ikka Bagh ist inspi­riert durch Spielkarten (Karo Aß), im Cowrie Bagh erin­nern zickzackförmige weiße Rhomben an Kaurieschnecken. Weiterhin gibt es den oben bereits erwähnten Dhoop Chhaon (Sonnenlicht und Schatten), den Lahriya (Wellen, Abb. siehe S. 24), Patedar (Streifen), Chand (Mond), Patang (Drachen), Saru (Zypresse), Panchranga (fünf Farben) und den Satranga (sieben Far­ben). Der Dariya Bagh (Fluß) hat eine Reihe blauer Zickzackstreifen auf weißem Grund, Nakhooni erinnert an Nägel, Bhulbhlay an einen Irrgarten. Ein reinweißer, sehr dicht bestick­ter Bagh wurde Sheesha (sprich: Shisha) Bagh (Spiegel)  genannt.

Im fruchtbaren und wasserreichen Punjab dienten natürlich auch viele Blumen als Namens­geber, z.B. Suraj Mukkhi (Sonnenblume), Genda (Ringelblume) und Motia (Jasmin).

Til Patra (verstreuter Sesam), ein auf sehr gro­bem Tuch sparsam bestickter Phulkari, wurde bei besonderen Anlässen an Hausbedienstete verschenkt.

Eines der am häufigsten  verwendeten Motive auf einfachen Phulkaris für den täglichen Ge­brauch ist ein Weizen- oder Gerstenhalm mit einer Ähre. 

Zusammengesetzte Motive haben oft sehr poe­tische Namen, z.B. Lahriya Patang, frei über­setzt "Drachen im Wind".

 

Darüber hinaus gibt es einige ganz spezielle Ty­pen von Phulkaris und Bhags

Da ist der Vari da Bagh aus dem West-Punjab (Abb. S. 18 und 19). Er wird, wie schon oben erwähnt, nach der Ge­burt des Jungen von der Großmutter begonnen und am Tag seiner Hochzeit der Braut über­reicht. Vari sind die Kleider und der Schmuck, die die Braut von der Familie des Bräuti­gams bekommt. Dieser Typ wird in goldgelbem Garn auf rotem Untergrund gearbeitet, die Farben stehen sym­bolhaft für Glück und Fruchtbarkeit. Die ganze Fläche ist mit Rhomben be­deckt, in jeder Rhombe ist eine kleinere enthalten. In beson­ders guten Stücken findet man drei Größen von Rhomben, die ineinander geschachtelt sind; die kleinste ist noch einmal in vier Quadrate geteilt.  An Sei­ten­borde und Pallaw (Endborde) sind ver­schiedene Muster in mehre­ren Farben gearbei­tet. Es dauerte mehr als ein Jahr, einen solchen Bagh herzustellen. Heut­zutage werden diese Stücke als Familienerbe betrachtet und als Überbleibsel einer alten Tradition der Braut bei der Hochzeit kurz umgelegt.  

Einzigartig und sehr selten ist der Bawan Bagh (Abb. S. 27 ). Nur wenige Frauen konnten diesen Typus fertigen. Ba­wan ist auf Punjabi die Zahl 52; in diesem Stück finden wir daher 52 verschie­dene Muster, die sonst in verschiedenen Bhags benutzt wer­den. Das Mittelfeld ist in 42 oder 48 Rechtecke unter­teilt; jedes Feld enthält ein anderes, viel­farbiges Motiv. Die restlichen 4 bzw. 10 Muster finden sich in den Seiten- und Endborden. Stüc­ke, bei denen die Zahl 52 über- oder unter­schritten wird, was meistens der Fall ist, werden trotzdem Bawan Bagh ge­nannt. 

Noch rarer ist der Bawan Phulkari (Abb. S. 26 ), ein Typ, auf dem, ähnlich wie beim Bawan Bagh, alle möglichen ver­schiedenen Phulkarimotive er­scheinen,

Ein anderer typischer Bagh, diesmal aus dem Ost-Punjab, ist der Darshan Dwar Bagh (wörtlich: Das Tor, von dem man einen Blick auf die Gottheit werfen kann, Abb. S. 17 ). Dieser Typus ist immer auf rotem Grund gestickt und bildet eine architektonische Struktur ab. Rechts und links findet man die Abbildungen von großen Toren mit Spitzen, je nach deren Größe und den Ab­messun­gen des Tuches sind es vier bis sieben auf jeder Seite. Die Tore liegen sich gegen­über und sind nach innen geöffnet, dazwischen läuft ein zentraler Streifen mit Figuren, Tieren, Blu­men und Pflanzen oder auch einer Eisenbahn. Manchmal stehen in den Toren auch mensch­li­che Figuren. Beim Betrachten kann man das Gefühl bekommen, durch eine belebte Dorf­straße zu gehen und dabei die Menschen rechts und links in ihren Hausein­gän­gen zu sehen.

Die Dächer der Tore sind vielfarbig in Mustern aus Dreiecken und Rhomben gearbeitet. Oft sind in dem dreieckigen Raum zwischen der Sei­tenborte und den Dächern der Tore noch­mals kleinere Tore eingestickt, in denen aber keine Figuren sind. Manchmal erreicht das Muster ein so hohen Grad der Abstrahierung, daß das zu­grunde liegende Motiv nur noch zu erahnen ist.

Wahrscheinlich  wurde das Tormotiv dieses Baghs von der überdachten Veranda beeinflußt, die den Tempel umgab und auf der man das Heiligtum umrunden konnte (parikrama).

Diese Baghs wurden dem Tempel nach Erfüllung eines Wunsches gestiftet.

Der Chope (Abb. S. 29) wurde so gestickt, daß das Muster sowohl an der Vorder- als auch an der Rück­seite sichtbar ist (Holbeinstich). Be­nutzt wurde Gelborange auf rotem Tuch. Dieser Bagh[10] ist Größer als alle anderen Typen (ca. 300cm x 175cm), da die Braut bei der Hochzeits­zere­monie von ihrer Großmutter darin wie in einem chhadar (Schleier der Muslims, der den gan­zen Körper bedeckt) eingehüllt wurde. Der Chope wird nach der Geburt eines Mädchens von der Großmutter begonnen, man kann ihn also mit dem Vari da Bhag vergleichen.

Das Muster des Chope wird von den beiden Längsseiten her symmetrisch entwickelt. Man sieht große Dreiecke, die ihre Basis auf dem Saum haben. Der Raum zwischen jeweils zwei Dreiecken wird von einem gleich großen, aber auf dem Kopf stehenden Dreieck aufgefüllt. Wenn man genau hinsieht, kann man entdecken, daß sich die Dreiecke oft aus sehr abstra­hier­ten Pfauen mit kleinen Köpfen und sehr großen Schwänzen zusammensetzen. Die End­borden sind nicht bestickt, dadurch ergibt sich ein durchgehender roter Streifen auf dem Textil - Symbol für Glück ohne Ende, das man der Braut wünscht. Sel­tener findet man eine kleine Figur, einen Pfau oder eine Kuh abgebildet. Diese ste­hen für Schutz, Glück und Wohlstand.

Der Chand Bhag (Abb. S. 22) soll an das Spiel des Mond­lichts erinnern.  Kleine weiße oder beige Rau­ten, die den Mond symbolisieren, sind auf einen dunkelroten Grund gesetzt.

Auf manchen Phulkaris ist die Gestalt eines Vo­gels so oft in regelmäßigen Abständen über das ganze Feld gestickt, daß dadurch die ganze Flä­che ausgefüllt wird. Diese Phulkaris wer­den nach dem Namen des Vogels benannt, der dar­gestellt wird, meist sind es Pfau (mor) oder Pa­pa­gei (tota , Abb. S. 21).

Ein sehr selten gewordener Typ ist der Thirma (Abb. S. 27 bis 29). Dieser Name bezeichnet Phulkaris oder Bhags auf weißem Grund. Sie wurden nur von Hindus hergestellt und waren ein wichtiger Teil der Aussteuer einer Hindufrau aus dem nordwest­lichen Punjab. Zum Be­sticken wurde Rot, Vio­lett und Grün benutzt. Die Muster sind floralen Ursprungs. Manchmal wurde auch das ganze Textil so dicht bestickt, daß sich eine samtartige Oberfläche ergab. Charakteri­s­tisch sind die Abschlüsse (Pallus) dieses Typs: die Frauen setzten in Rot diago­nale Rei­hen in Satin­stich. Diese Arbeiten waren typisch für Pesha­war, Hazara, Bannu und Rawalpindi, zur damali­gen Zeit alle im Nordwesten des Punjab. Die Muster dieses Typs unter­scheiden sich stark von allen an­deren Bhags und Phulkaris; inter­es­santerweise ähneln sie oft Textilien aus Afgha­nistan und Zentralasien. Wenn man will, kann man dies als weite­ren Hinweis auf den Ur­sprung der Sticke­reien nehmen. Heute noch er­hältliche Stücke dieses Typs stammen meist  aus den letz­ten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Am wertvollsten und begehrtesten sind heute die, meist in Bhatinda und benachbarten Ge­bie­ten des östlichen und südöstlichen Punjab her­gestellten, Sainchi Phulkaris (Abb. S. 14 bis 17). Sie zeigen Sze­nen des Alltagslebens im Punjab um die Jahr­hundertwende. Die Mo­tive wurden oft mit schwarzer Tinte auf dem Stoff vorgezeichnet. Diese Entwürfe fielen, je nach Geschmack und Fähigkeit der Stickerin, mehr oder weniger naturalistisch oder ganz sti­lisiert aus. Die Vor­zeichnung wurde dann im Stopf­stich ausgefüllt. Interessanterweise bilde­ten die Frauen fast nie irgendwelche Legenden oder Mythen ab, es finden sich auch, im Ge­gensatz zu den Chamba rumals aus dem benachbarten Hi­ma­chal Pradesh, keine religiösen Motive, keine Abbildung höfischer Themen und keine Jagdszenen. Dar­stel­lungen aus der klassi­schen indi­schen Litera­tur sind genausowenig zu finden.

Grob einteilen kann man die  heute bekannten Sainchis in zwei Kategorien:

A) Farbige Darstellungen von Figuren, Tieren, Szenen aus dem dörflichen Leben etc. auf rotem Unter­grund. Es herrscht keinerlei Symmetrie und es gibt keine Endborden. Die Motive wur­den oft vorgezeichnet. Solche Stücke gleichen am ehe­s­ten einem skizzenhaften Ge­mälde, einer Chronik des Dorflebens (Abb. S. 16 und 18).

B) Sainchis auf schwarzem, dunkelbraunem oder - sehr selten - auf blauem Untergrund (Abb. S. 14, 15, 17). Hier fin­det man eine gewisse Symmetrie. Oft sehen wir fünf Lotosblü­ten: Eine große, vielblättrige im Zentrum[11] und die anderen vier in den Ecken. Die Anord­nung der Blüten entspricht denen im suber phulkari, der von der Braut zu dem Zeitpunkt ge­tragen wird, wenn sie sieben mal das heilige Feuer um­schreitet (pherey). Auch die Abbildung von verschiedenen traditionellen Schmuckstücken weist darauf hin, daß dieser Phulkarityp eine Rolle bei den Hoch­zeitszere­monien spielte. In den Endborden tau­chen oft abstrahierte Pfauen auf, die so auch zur Sym­metrie beitragen. Dazwischen sind aber wieder alle mögli­chen Tiere und Gegenstände, schein­bar ohne Plan verteilt.

 Beiden Typen gemeinsam ist, daß oft Woll- oder Baumwollfäden anstelle der Seide verwen­det wurden.

Obwohl  all diese Stücke in Indien heute Sainchi Phulkari genannt werden, liegt hier doch unter Um­ständen jeweils ein eigener Typus vor. Man darf nicht vergessen, daß die letzten Textilien dieser Art um 1920 hergestellt wurden. In den darauffolgenden Umwälzungen und Verände­rungen sind sicher viele Traditionen und vieles  Wissen in Vergessenheit geraten.

Auf den Sainchis finden wir Szenen des alltäg­li­chen Lebens, Gegenstände des persönlichen Besitzes wie Schmuck und Kämme, Haustiere, Ochsenkarren und Haushaltsgegenstände. Man sieht  die Menschen beim Würfelspiel, am Spinnrad, beim Kochen, bei der Feldarbeit oder bei anderen Verrichtungen des täglichen Lebens.

Häufig taucht eine Eisenbahn auf. Die Lokomo­tive stößt dicken Rauch aus und die Passa­giere schauen aus dem Fenster. Manchmal kommt der Zirkus mit Tieren und Akrobaten ins Dorf. Auch das wird abgebildet. Besonders lebensnah wirken Szenen mit streitenden Frau­en, ein Yogi, der betteln kommt, ein Mann, der seine Frau verprügelt oder ein britischer Be­amter, der das Dorf besucht.

Schmuckstücke werden gerne abgebildet. Dabei wird immer in Gelb gestickt, das für Gold steht. Manchmal werden die Pretiosen von mythischen Schlan­gen, den Erdgeistern, be­wacht. Meist findet man den Schmuck an der Stelle des Tuches abgebildet, die beim Tragen über dem Kopf die Stirn berührt.

Der Sar Pallu (Abb. S. 23 und 24) aus dem östlichen Punjab hat an beiden Längsseiten breite Bordüren, die, oft sehr kühn und farbig , aus Rauten und Dreiec­ken zusammengesetzt sind und manchmal wil­den und abstrakten Phantasielandschaften glei­chen. Das freiblei­bende Mittelband ist mit klei­nen Blumen, Vögeln oder anderen Tieren ver­ziert. Meist finden sich zu den Enden hin auch einige Pfauen und Schmuckstücke.

Als letzter Typ sei der Sheeshedar Phulkari  (sprich: Shishedar) genannt. Er ist mit kleinen runden, matten Spie­geln verziert. Diese kommen aus Karnal, wo man Kugeln von ungefähr 10cm Durch­mes­ser aus Glas bläst, sie innen versilbert und dann zerbricht. Die Bruchstücke werden dann für Stickereien verwendet.

HITKARI berichtet von einem einzigartigen, in seinem Besitz befindlichen Phulkari aus dem Ostpunjab, auf dem neben der Stickerei viele kleine Silberplättchen aufgeklebt sind.

Motive und Muster änderten sich von Ort zu Ort. Es gab wohl so viele Varianten, wie es Stic­kerinnen gab. Jede Auf­zählung muß zwangsläufig  bruch­stückhaft bleiben.

 

 

 

UNTERSCHEIDUNGSMÖGLICHKEITEN

 

Das zuerst ins Auge fallende Unterscheidungs­merkmal zwischen Bhag und Phulkari liegt in der Menge der Stickerei. Im Phulkari werden die Motive mehr oder weniger regelmäßig über das ganze Tuch verteilt. Dazwischen sind jedoch große Flächen des Grundmaterials sicht­bar. Meist zei­gen die Endstücke ein ganz anderes Muster als das Mittelstück; oft sind diese sogar viel aufwendi­ger und reicher bestickt.

Die Motive eines Bhag dagegen sind so nahe aneinander gestickt, daß die Grundfarbe des Stoffes - sofern dieser überhaupt sichtbar ist - nur eine dünne Begrenzungslinie um die Moti­ve bildet. Auch greifen die Ab­schlüsse des Bhag (pallaw) fast immer das Motiv des Hauptfel­des auf.

 

Es gibt einige Merkmale, um Stücke aus dem West-Punjab von denen aus dem Osten des Landes zu unter­scheiden. Normalerweise war das Tuch im Westen feiner. Außerdem wurde Seide von besserer Qualität verwendet. Als Grundfarbe fand sel­ten Schwarz oder Blau Ver­wendung. Im Osten dagegen benutzte man kein Weiß. 

Das Mittelfeld wurde im Westen meist nur mit einer oder zwei Farben bestickt, während die Anzahl der Farbkombinationen im Osten viel Größer waren. Darüber hinaus hatten die Frauen hier ein Größeres Repertoire an Stichen. Dafür war die Arbeit im Westen meist feiner.

Im Westpunjab waren die Motive und Muster auf abstrakte Darstellungen beschränkt, wäh­rend sie im Osten vielfältiger waren und auch menschliche Figuren, Tiere, Vögel etc. ein­schlie­ßen. Vielleicht hat das mit dem zum Osten hin nachlassenden Einfluß der Moslime zu tun, die ja keine Menschen abbilden dürfen. Im Ge­gensatz zum Westen wurde im Osten auch Baumwolle und manchmal Wolle als Stickfaden benutzt.

Meist ist der Pallaw (Endborde) bei Stücken aus dem Westen schmaler und einfacher.

Schließlich wurden im Westen die verschiede­nen Stoffbahnen erst bestickt und dann zusam­mengenäht, während die Frauen im Ost-Punjab genau umgekehrt vorgingen. Daher fallen bei Bhags aus dem Westpunjab oft Sprünge im Mus­ter auf.

Bei den Phulkaris aus Haryana, dem Südosten des alten Punjab, ist das Hauptfeld oft in regel­mä­ßige Quadrate unterteilt, in denen jeweils das­selbe Motiv wiederholt wird. Die Mono­tonie wird jedoch dadurch unterbrochen, daß in einer Ecke andere Motive, z.B. Tiere oder Schmuck­stücke, erscheinen. 

Natürlich gibt es Ausnahmen von diesen Regeln, als Anhaltspunkte können sie jedoch durch­aus dienen.

 

 

 

UNREGELMÄSSIGKEITEN IM MUSTER

 

Wie Menschen überall in der Welt sind auch die Punjabis abergläubisch und fürchten den Zorn der Götter. Um den bösen Blick abzuwehren, wird den Neugeborenen ein schwarzer Fleck auf die Wange gemalt, der Braut bindet man einen schwarzen Bommel an die roten Elfen­beinarmringe und vor das neue Haus hängt man einen schwarzen Topf.

Aus dem gleichen Grund fügten die an sich perfekt stickenden Frauen kleine Fehler in ihre Stücke ein, verwendeten plötzlich eine andere Farbe oder ließen eine kleine Stelle unbe­stickt. Manchmal findet man auch in einer Ecke einen kleinen stilisierten Pfau, eine mensch­liche Figur, eine kleine Raute oder eine aufgenähte Glas­perle. Manche Frauen ließen ein­fach ein paar Zentimeter Faden stehen, um anzudeuten, daß das Stück noch nicht beendet sei. All das ge­schah, um nicht den Neid der höheren Kräfte auf sich zu ziehen. Diese gewoll­ten Unre­gelmäßigkeiten werden Nazar Butti genannt.

Da die Sikhs "aufgeklärter" und im allgemeinen weniger abergläubisch waren, findet man diese Merkmale meist an von Hindus hergestellten Stücken.

Manchmal sieht man in einer Ecke oder an einem anderen versteckten Platz einen Na­mens­zug, meist in Gurmukkhi-Schrift. Dies ist entweder der Name der Stickerin oder der des Be­sitzers.

Hin und wieder findet man die eingestickten Sil­ben Om (\  ) oder Ek-Onkar (     ). Diese hei­ligen Mantras der Hindus bzw. Sikhs sollen den Segen Gottes auf das Gelingen des Wer­kes oder auf die Trägerin des Stückes hinlenken.

 

 

 

VERWENDUNG

 

Der ursprüngliche Sinn der Stickerei war wohl, die rauhe und einfache Oberfläche der Odhi­nis (Kopftücher, Schleier) zu verschönern. Allmäh­lich begannen die Menschen einige der Muster und Motive mit bestimmten Ereignissen und Ze­re­monien zu verbinden. So gewannen die Textilien, neben ihrer Funktion vor der Witterung zu schützen und das Gesicht zu verber­gen, auch eine religiöse und magische Bedeutung.

In einer traditionbewußten Familie aus dem Punjab wurde keine wichtige Zeremonie begon­nen, ohne daß das weibliche Oberhaupt der Familie einen bestimmten Phulkari anlegte

Viele, wenn nicht die meisten der Stücke stehen in Verbindung zu bestimmten Abschnit­ten der Hochzeitsfeiern und des Ehelebens. Diese Tatsache und auch die reichen und wu­chern­den, größtenteils floralen Motive der Phul­karis weisen auf eine assoziative Verknüpfung mit der Frucht­barkeit und dem Fortbestand der Familie hin. Zum Beispiel wurde beim zeremo­niellen Bad vor der Hochzeit (nahai dhoi), beim Füllen der tönernen Krüge (gharoli bharna) und beim Besteigen des geschmückten Pferdes durch den Bräutigam (ghori cha­rana) immer ein anderer Phulkari benutzt.

Wenn die Braut die 22 roten Elfenbeinarmreifen von einem Bruder ihrer Mutter bekam (chura charana), wurde ein chope um sie gelegt. Wäh­rend der eigentlichen Vermählungszeremonie trug sie einen subhar.

Die Gelegenheit, zu der die Braut den vari da bhag überreicht bekam, wurde schon weiter oben beschrieben. Sie trug ihn nun einmal im Jahr, wenn sie für das lange Leben ihres Gat­ten betete (karva chanth).

Die Familie der Braut beschenkte die Verwand­ten des Bräutigams mit Bhags und Phulkaris, zu­dem bildeten sie einen Teil der Aussteuer.

Wenn die Mutter am 11. Tag nach der Geburt eines Jungen zum ersten Mal ihre Räume ver­ließ, trug sie einen Phulkari. Gleichzeitig wurden auch weniger reich bestickte Stücke, die oben erwähnten til patra, an die Dienerinnen und Diener des Hause verteilt.

Neben solchen Größeren und selteneren Festta­gen ist der Jahreslauf einer indischen Familie sehr reich an Feiertagen. Stets trugen die Frauen des Punjab zu solchen Anlässen einen Phulkari. Wenn die Frau vor ihrem Mann starb, wurde sie in eine Stickerei gewickelt. Geehrte Gäste eines Hauses fanden einen nur für diese Gelegenheit herausgeholten Phulkari als Unterlage auf ihrer Sitzgelegenheit oder als Tischdecke. In den Tempeln und Gurudwaras[12] schmückte man die Wände, Figu­ren oder heilige Schrif­ten mit Phulkaris oder Bhags - meist war es ein darshan dwar. Auch wurden Stiftungen und Gaben an den Tempel darin einge­wic­kelt dargeboten. Manchmal überreichte man den britischen Be­am­ten einen Bhag zu Weihnachten, zusam­men mit Früchten und Süßigkeiten.

Neuerdings werden in den Städten Bhags und reich bestickte Phulkaris zerschnitten, um in moderneren und modischeren Kleidungsstücken Verwendung zu finden.

 

Mit Ausnahme einiger abgelegener Dörfer, in denen vielleicht noch Baghs oder Phulkaris ge­arbeitet werden, kann diese Art von Handarbeit heute als ausgestorben angesehen  wer­den. Versuche der indischen, bzw. pakistani­schen Regierung sie wiederzubeleben schlu­gen fehl. Wenn man bedenkt, daß eine geübte Stic­kerin für die Herstellung eines Bagh circa 500 Stun­den benötigte (3-4 Monate bei einem Ar­beitsaufwand von 4-5 Stunden täglich), wird das ver­ständlich. Das Leben ist für die Punjabis komplizierter geworden, vor allem nach der Auf­tei­lung ihres Heimatlandes zwischen Indien und Pakistan und durch die damit verbundene Völkerwanderung. Alle Energien gingen in den Neuaufbau. Anstatt sich am Nachmittag zum Reden und Hand­arbei­ten zu treffen, besuchen die Frauen jetzt Schu­len und Colleges. Kino, Radio und Fern­sehen, Kunstfasern und Industriefarben, preiswerte Kleidung und die Beein­flussung durch westliche Modeströmungen taten das ihrige, um ihr Inter­esse am Handarbei­ten abflauen zu lassen.

 

S.S. HITKARI schließt sein Buch dennoch mit einem optimistischen Blick in die Zukunft:

  "Alles, was geboren wird, muß auch wieder vergehen- es lohnt sich nicht, darüber Tränen zu vergießen. Die den Frauen des Punjab angeborene Sensivität und Kreativität wird sicher­lich neue Formen des Ausdrucks finden. Volkskunst stagniert niemals, sondern befindet sich immer in der Entwicklung. Laßt uns daher hoffen, daß im Laufe der Zeit im Punjab etwas eigen­ständiges und sogar noch faszinierenderes als der Phulkari entsteht. Bis dahin liegt es an uns, das, was übriggeblieben ist, vor der Zerstörung zu retten und für die Nachwelt zu bewahren."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

 

Bèrinstain, V. " Phulkari", Paris, 1991

 

Boser, R. "Stickerei- Systematik der Stichformen". Basel, 1984.

 

Coomraswamy, A. "Arts and Crafts of India and Ceylon". New York, 1964.

 

Dutta, M.D. "A Catalogue on Phulkaritextiles in the Collection of the

     Indian Museum". Calcutta, 1985.

 

Gill, H.S. "A Phulkari from Bhatinda". Patiala, 1977.

 

Gillow, J and Barnard, N. "Traditional Indian Textiles". London, 1991.

 

Gostelow, M. "Das große BLV Buch der Stickerei". München, 1980.

 

Grewal, Neelam. "The Needle Lore". Delhi, 1988.

 

Hitkari, S.S. "Phulkari- Folk Art of Punjab". Delhi, 1980.

 

Irwin, J. and Hall, M. "Indian Embroideries". Ahmedabad, 1973.

 

Nabholz- Kartaschoff, M.L. "Golden Sprays ans Scarlet Flowers". Kyoto, 1973.

 

Steel, F.A. "Phulkari Work in the Punjab". London, 1888.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] IRWIN/ HALL 1973: 1: In Mohenjo-daro fand man Bronzenadeln, von denen man sich vorstellen kann, daß sie zum Sticken verwendet wurden. Einige Figuren aus diesem Gebiet und aus  Harappa wurden mit einem Gewand dargestellt, das offenbar bestickt ist. Ein Beispiel dafür ist die Büste eines bärtigen Mannes aus Mohenjo-daro, der ein Umhängetuch mit Kleeblattmuster trägt (National Museum, New Delhi)

[2] Siehe Karte im Anhang.

[3] Siehe Karte im Anhang.

[4] Neelam GREWAL allerdings führt an, daß im Heer Ranjha bei der Aussteuer der Heldin sehr wohl Phulkaris erwähnt würden.

[5] Khaddar ist aus lose gesponnenem Garn von unregelmäßiger Dicke gewebt, Kett- und Schußfäden können verschieden Dicke haben. Es kommen 10-12 Kettfäden auf den Zentimeter.

[6] Siehe weiter unten bei der Beschreibung der Sticktechniken.

[7] Neelam GREWAL: The Needle Lore

[8] z.B. in manchen "Darshan Dwars" und "Sainchis".

[9] Es gibt einen bestimmten Bhag, den "Dhoop/Chhaon", sprich: Duup, ( frei: Licht und Schatten), der diesen Effekt  bewußt einsetzt.

[10] Mit dem gleichen Recht könnte man auch Phulkari sagen, da dieser Typ Merkmale beider Typen vereinigt. Ich benutze Bhag, da dieses Textil nicht dem täglichen Gebrauch dient, sondern eine rituelle Funktion hat.

[11] Diese steht in Indien meist für die vielen Manifestationen der Schöpfung.

[12] Tempel der Sikhs.